Drei Dimensionen von Bildung
Körperliche Entwicklung, akademische und kulturelle Bildung sowie Charakterbildung lassen sich unterscheiden. Im Lernen greifen sie oft ineinander. Konkrete Beispiele zeigen, wie diese Verbindungen entstehen.
Wenn die Bewegung aufhört, ist die Einheit noch nicht vorbei. Bei Life Goals, einem Bildungsprogramm des österreichischen Vereins Breaking Grounds, folgt auf die sportliche Übung ein gemeinsames Gespräch. Die Kinder besprechen, was sie erlebt haben und welche Bedeutung diese Erfahrungen in ihrem Alltag haben könnten. Die Übungen schaffen gezielt Situationen, in denen persönliche und soziale Fähigkeiten gefragt sind – etwa Zusammenarbeit oder der Umgang mit Rückschlägen.
Hier treffen zwei Bildungsprozesse aufeinander. Die Kinder setzen ihre Beweglichkeit, Kraft und Koordination ein. Zugleich beschäftigen sie sich damit, wie sie auf Schwierigkeiten reagieren und mit anderen umgehen. Die gemeinsame Reflexion macht diese zweite Ebene zum Gegenstand des Lernens. Dabei stellen sich Fragen wie: Was hat uns geholfen? Wie haben wir einander unterstützt? Was würden wir beim nächsten Mal anders machen?
Das Wort Bildung umfasst beides, ohne den Unterschied besonders deutlich zu machen. Es bezeichnet den Erwerb von Wissen, die Entwicklung körperlicher Fähigkeiten und die Ausbildung von Urteilsvermögen und Charakter. In Gesprächen über Bildungsziele lässt sich deshalb leicht Einigkeit herstellen, obwohl die Beteiligten Verschiedenes meinen. Eine Unterscheidung in drei Dimensionen hilft, genauer hinzusehen.
Die erste ist körperliche Bildung. Sie betrifft die Entwicklung und den Gebrauch des Körpers, seine Gesundheit und die Fähigkeit, für seine Bedürfnisse zu sorgen. Dazu gehören Bewegung, Ernährung und der Umgang mit Belastung und Erholung. Bildung erscheint hier als ein Vorgang, der auch auf Versorgung angewiesen ist: Ein Körper braucht Nahrung, Schlaf und Schutz, um sich entwickeln zu können. Diese Voraussetzungen lassen sich nicht durch Unterricht ersetzen.
Die zweite ist akademische und kulturelle Bildung. Sie umfasst Sprache, wissenschaftliches Denken, Kunst, technische Fähigkeiten und das Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge. Menschen erschließen sich damit eine Welt, die bereits von anderen gestaltet wurde, und gewinnen Mittel, selbst an ihr mitzuwirken. Diese Dimension reicht über individuelle Denkleistung hinaus. Auch die Fähigkeit, Institutionen zu organisieren, gemeinsam Wissen hervorzubringen oder kulturelle Ausdrucksformen weiterzuentwickeln, gehört dazu.
Die dritte ist Charakterbildung. Gemeint ist die Entwicklung von Eigenschaften wie Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn und Verlässlichkeit. Sie betrifft die Orientierung des Handelns: welche Anliegen jemand ernst nimmt, wie er andere behandelt und wozu er seine Fähigkeiten verwendet. „Herzensbildung“ ist ein geläufiger Ausdruck dafür, sofern damit auch Urteil und Handeln gemeint sind. Mitgefühl kann ein Gefühl sein; jemandem aufmerksam zuzuhören und dessen Sicht in einer Entscheidung zu berücksichtigen, verlangt darüber hinaus eine bewusste Anstrengung.
Diese Dreiteilung ist eine begriffliche Perspektive auf Bildung, keine Einteilung in drei voneinander unabhängige Fächer. Gerade ihre Verbindungen werden an konkreten Lerngelegenheiten sichtbar.
Bei der GemüseAckerdemie, einem Bildungsprogramm des Vereins Acker, bauen Kinder gemeinsam mit ihren Lehrkräften Gemüse an. Das Programm verbindet die Arbeit auf dem Acker mit Fragen der Ernährung und des Lebensmittelanbaus. Betrachtet man es unter dem Gesichtspunkt körperlicher sowie akademischer und kultureller Bildung, begegnen sich zwei Zugänge: Die Kinder bewegen sich und beschäftigen sich mit dem, was sie essen; zugleich erwerben sie Wissen über Pflanzen und deren Lebensbedingungen. Der eigene Körper und das Verständnis biologischer Vorgänge werden zum Gegenstand derselben Tätigkeit.
Die Verbindung liegt dabei im Wechsel zwischen Erfahrung und Erklärung. Eine Pflanze zu pflegen ermöglicht Beobachtungen, die ein Text allein nicht liefert. Wissen hilft wiederum, das Beobachtete zu deuten. Warum wächst etwas an diesem Standort besser als an einem anderen? Was verändert sich, wenn Wasser fehlt? Solche Fragen machen aus einer körperlichen Tätigkeit eine Untersuchung. Wie weit diese Verbindung trägt, hängt davon ab, ob im Unterricht Zeit für Beobachtung, Begriffsbildung und Erklärung vorgesehen ist.
Akademische und kulturelle Bildung lässt sich wiederum mit Charakterbildung verbinden. Die Stiftung Lernen durch Engagement beschreibt im Programm „Lesen mit Wirkung“ Vorleseprojekte für jüngere Kinder: Schüler*innen üben im Unterricht betontes Lesen, wählen geeignete Literatur aus und bereiten Begegnungen in einer Kita oder Grundschule vor. Anschließend besprechen sie, was das Verständnis der jüngeren Kinder unterstützt hat.
Die sprachliche Aufgabe erhält dadurch ein Gegenüber. Leseflüssigkeit und Textverständnis bleiben fachliche Ziele. Hinzu kommt die Frage, ob die Vorlesenden wahrnehmen, was ihre Zuhörer*innen brauchen. Geduld und Aufmerksamkeit können dabei ebenso gefragt sein wie die Bereitschaft, die eigene Vorbereitung zu verändern. Das jüngere Kind ist eine Person mit eigenen Interessen, auf deren Reaktion es ankommt. In dieser Lesart verbindet das Vorlesen sprachliche Bildung mit einer Gelegenheit, Fürsorge praktisch werden zu lassen.
In einem anderen gesellschaftlichen Umfeld arbeitet die kolumbianische Bildungsorganisation FUNDAEC an einer verwandten Verbindung. In ihrem Programm Preparación para la Acción Social setzen Lerngruppen nach Studienabschnitten gemeinsame Vorhaben um. Die Organisation nennt unter anderem Aktivitäten zur Abfallentsorgung und Umweltpflege sowie Informationsveranstaltungen zu Gesundheitsfragen. Die Bevölkerung soll an Planung und Umsetzung beteiligt sein.
Auch hier lässt sich die Verbindung von akademischer und kultureller Bildung mit Charakterbildung untersuchen. Fachliches Wissen wird gebraucht, um einen Sachverhalt zu verstehen und verständlich darzustellen. Die Zusammenarbeit verlangt zugleich, die Kenntnisse und Anliegen anderer ernst zu nehmen. Wer etwas für eine Gemeinschaft vorbereiten möchte, muss mit ihr klären, was tatsächlich gebraucht wird. Die ethische Frage liegt damit auch in der Art, wie Wissen angewendet wird und wer über seine Anwendung mitentscheidet.
Bei Life Goals gehört das Gespräch nach der Bewegung zur Einheit. Die körperliche Erfahrung wird dabei noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachtet: Wie bin ich mit einer Schwierigkeit umgegangen, und welche Rolle haben die anderen gespielt? Körperliche Fähigkeiten und die Haltung gegenüber sich selbst und anderen bleiben unterscheidbar. In der gemeinsamen Reflexion wird ihre Verbindung sichtbar.
Quellen und Hinweise
Programmbeschreibungen
- Life Goals, Breaking Grounds: life-goals.at
- GemüseAckerdemie, Acker e. V.: acker.co
- „Lesen mit Wirkung“, Stiftung Lernen durch Engagement: servicelearning.de
- Preparación para la Acción Social, FUNDAEC: fundaec.org
Alle vier Beispiele beruhen auf den Beschreibungen der Träger. Sie zeigen, wie die Programme angelegt sind, und belegen nicht, welche Wirkungen sie haben. Studien zu ihren Wirkungen wurden für diesen Text nicht ausgewertet.